Das Thema ist aktueller denn je. In meinem letzten Beitrag bin ich bereits kurz darauf eingegangen, das Potential ist längst nicht ausgeschöpft.
“Social CRM” - die gängige Definition, von Paul Greenberg formuliert, lautet
“CRM is a philosophy & a business strategy, supported by a technology platform, business rules, workflow, processes & social characteristics, designed to engage the customer in a collaborative conversation in order to provide mutually beneficial value in a trusted & transparent business environment. It’s the company’s response to the customer’s ownership of the conversation.”
So weit, so viel und doch so wenig. Sicher, es steht eine Menge ‘drin, vor allem die Begriffe Philosophie, Geschäftsstrategie, Prozesse, Kunden und Konversation stechen hervor. Aber reicht das aus, um Social CRM zu “leben”. Von CRM kann man sagen, dass man es “leben” kann. Aber die Basis ist eine andere, das Ziel ist definiert(er), die Kommunikation ist vollkommen anders.
Es gibt keine one-size-fits-all Lösungen, die eine erfolgreiche Nutzung von Social CRM ermöglichen, die Zeiten, wo insbesondere Software Anbieter ihre Produkte mit dem Slogan “Nimm das und Du wirst sofort glücklich” an den Mann brachten sind zum Glück vorbei. Wichtig ist, bevor man loslegt ein paar grundsätzliche Fragen zu betrachten. Es sind nicht viele, aber ehrliche Antworten machen einiges leichter. Natürlich gibt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit, eine individuelle Auseinandersetzung mit evtl. externer Beratungskompetenz soll und kann durch eine Handvoll Punkte nicht ersetzt werden. Aber ein Anfang ist gemacht.
Meine erste Frage an ein Unternehmen, das jetzt auf den Social CRM Zug aufspringen will:
Gibt es eine CRM Strategie?
Das bedeutet in Kurzform, interessiert Ihr Euch für Eure Kunden und habt Ihr Erfolg damit?
In Ausführlich, kennt Ihr Eure Kunden? Wie ist das Verhältnis zu ihnen? Kennt Ihr den Markt und die aktuellen Trends? Gibt es einen Plan, ein Konzept für Marketing, Strategie und Service? Arbeiten sich interne Bereiche zu (z.B. Marketing und Vertrieb) und haben sie Zugriff auf dieselben Informationen zu Kunden, Interessenten und den Aktivitäten des jeweils anderen Bereichs? Habt Ihr verstanden, dass “CRM” Integration bedeutet und nicht Trennung oder Inselbildung? Erkennen die Mitarbeiter einen Mehrwert für ihre tägliche Arbeit?
Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden, ist meiner Ansicht nach bereits eine große Hürde genommen und CRM im Unternehmen angekommen. Daher dann die nächste Frage
Ist diese Strategie erfolgreich?
Und zwar einerseits bezogen auf Euer Geschäft und andererseits auf die Zufriedenheit Eurer Kunden? Insbesondere die Kundenzufriedenheit, wie wird gemessen?
Gibt es Software-Tools, die diese Strategie unterstützen?
Erfolgreiches CRM generiert Daten, die abgelegt und konsolidiert werden müssen. Spezialisierte Software unterstützt dies und bildet eine wertvolle Hilfe in der Umsetzung des CRM in der täglichen Praxis. Das Thema CRM Tools ist so umfassend wie individuell, daher beschränke ich mich auf die reine Erwähnung.
Ist die CRM Strategie flexibel, wenn sich Rahmenbedingungen ändern, ist sie zukunftsfähig?
Ich denke da an Veränderungen im Markt, an neue Produkte, Umstrukturierung der eigene Organisation usw. Machen die eingesetzten Tools mögliche Veränderungen mit? Wo sind die Grenzen?
Was soll mit einem Engagement in Social CRM erreicht werden?
Anders ausgedrückt, gibt es konkrete Ziele, die über ein “wir müssen Flagge zeigen auf den zeitgeistig-trendigen Kanälen” hinaus gehen? Unternehmen sagen gerne, wir wollen neue Kunden gewinnen, wir wollen mit Bestandskunden kommunizieren, wir wollen unserem Marketing einen weiteren Kommunikationskanal bieten. Alles schön, gut, legitim und normales Verhalten eines Unternehmens, das nicht in betonierten Strukturen lebt. Aber reicht das aus? Ist es konkret genug, um wirklich einen Mehrwert zu generieren und sich erfolgreich vom Wettbewerb abzusetzen?
Wie werden die definierten Ziele angegangen?
Wie sieht die Präsenz aus? Fanseite auf Facebook oder Google+? Twitter Account? Unternehmensseite auf XING? Oder keine eigene offene Präsenz, sondern mitlesen, mitschreiben und kommentieren in Bereichen, in denen das Unternehmen, seine Produkte, seine Marktsituation usw. diskutiert wird? Wie wird erkannt, wenn das Unternehmen involviert ist?
Wer hat den Hut auf?
Wer ist verantwortlich für Auftritt und Inhalte? Wer “darf” öffentlich auftreten und die Unternehmensmeinung vertreten? Dabei im Hinterkopf behalten, Social CRM ist genau wie CRM kein IT-Thema!
Wie wird Social CRM in das bestehende CRM integriert?
Soll das bestehende CRM System im Unternehmen mit Social CRM Daten angereichert werden?Ist eine entsprechende Technologie verfügbar? Welche Daten werden erfasst? Wo werden sie abgelegt? Gibt es einen Plan zu späteren Nutzung? Wie kann irrelevanter Datenmüll vermieden werden?
Ist uns bewusst, dass die Kommunikation nicht kontrolliert werden kann?
Im klassischen CRM ist die Kommunikation zwischen Kunde (extern) und Unternehmen (intern) in der Regel eine 1:1 Kommunikation, die vom Unternehmen gesteuert und kontrolliert wird. Beispielsweise tritt eine Firma mit Kunden bzw. einer Zielgruppe in Kontakt durch Marketingaktionen oder ein Kunde wendet sich an seinen Lieferanten mit einer Reklamation oder ein Außendienstler besucht seinen Kunden. In allen Fällen bestimmt die Firma Art und Umfang der Kommunikation und es gibt zunächst keine Öffentlichkeit. Genau dies funktioniert nicht mehr, sobald Social Media ins Spiel kommt. Genaugenommen ist eine aktive Beteiligung der Firma an der Kommunikation nicht mehr notwendig. Ihr Verhalten, ihre Produkte und Positionen reichen aus, um öffentlich und ungebremst darüber zu diskutieren, zu kommentieren, zu kritisieren. Die Kommunikation findet an beliebigen Stellen zwischen Kunden, Interessenten, Sympathisanten, Kritikern und leider oft auch Trollen statt. Gerne völlig anlassfrei und unkontrollierbar durch das Unternehmen. Es ist eine 1:n:n Kommunikation mit allen Chancen und Risiken für das Unternehmen.
Gibt es eine Risikobetrachtung?
Wird sich im Vorfeld damit auseinander gesetzt, was durch ein Engagement in Social Media schief gehen kann? Wie wird mit Kritik umgegangen? Gibt es einen Plan für die Reaktion, wenn wirklich etwas schief gegangen ist? Eine unbedachte Erwiderung z.B. auf einen Beitrag eines unzufriedenen Kunden kann sich zu einem veritablen Shitstorm entwickeln, den es zu befrieden gilt. Hier sind neben Beruhigungskompetenz auch kurze Reaktionszeiten vornöten. Ein nine-to-five Job mit Pause am Wochenende ist was anderes.
Kurz, sind die zuständigen Stellen im Unternehmen kompetent, spontan und schnell genug, um zu reagieren, bevor sich die Firma vollständig in die Nesseln setzt?
Soweit diese grundsätzlichen Fragen. Wie gesagt, es gibt weitere, die einzelnen Punkte lassen sich fast beliebig fein auflösen. Es ist derzeit noch schwer, aus dem Social CRM Gedanken ein erfolgreiches Konzept zu machen, dazu ist alles noch viel zu sehr in Bewegung. Die Plattformen, Facebook, Google+, Twitter usw. sind zu neu und in vielen Bereichen gerade für Unternehmen undurchschaubar und voller Sackgassen und auch Fallen. Hinzu kommt die Ungewissheit, wielange der Hype dieser Plattformen anhalten wird. Wielange sind Facebook & Co. noch attraktiv für potentielle Kundengruppen und kann darüber der B2B Bereich genauso angesprochen werden wie der B2C Bereich?
Es bleibt spannend.
Michael Gorny