2012

What do you want from Life?

Social Media und Unternehmen oder warum ein me, too Ansatz in die Hose geht

Soziale Netzwerke breiten sich immer weiter aus, das virtuelle Miteinander nimmt immer mehr Raum und Zeit in Anspruch und die eigenen Beliebtheit läßt sich an der Zahl der “Freunde” bzw. “Follower” festmachen. Kein Wunder, dass dabei ein Facebook mit ca. einer Milliarde Mitglieder allein durch diese Zahl eine vermeintlich attraktive Werbeplattform für Unternehmen darstellt. Ähnlich sieht es mit Twitter aus, in dem Unternehmen genauso vertreten sind.

Soweit die Theorie. Zunächst einmal unterscheiden wir zwischen echten Werbeanzeigen, die Nutzer aufgrund ausgeklügelter Algorithmen passend zum Klickverhalten und zu den angegebenen Interessen eingeblendet bekommen und den diversen Fan-Portalen der Unternehmen, denen man beitritt, folgt oder auch einfach nur in einem Tweet erwähnt.

Diese Seiten bieten einen von den Unternehmen selbstgestalteten Rahmen, in dem über Aktivitäten, Aktionen und Produkte informiert wird und die Raum für Kommunikation mit allen Interessierten bieten. Genau da fängt es an, interessant zu werden. Nicht nur, dass eine Produktankündigung dort u.a. ziemlich in die Hose gehen kann, wenn z.B. kurz danach ein “Fan” öffentlich verkündet, warum dieses neue Produkt nicht funktionieren kann oder dass die Konkurrenz schon meilenweit voraus ist, sondern auch das Kommunikationsverhalten des Unternehmens bietet reichlich Gelegenheit, sich in die Nesseln zu setzen.

Kürzlich fuhr ich mit dem ICE von Berlin Richtung Köln und stellte fest, sowohl vodafone, als auch BASE zeigten selten solidarisch eine miese bis unterirdische Internetverbindung außerhalb der auf der Strecke liegenden Ballungsräume. Bekanntlich sind das nicht viele.
Zwischendrin gelang es mir dies in einem Satz zu twittern und dabei #Base und #vodafone zu erwähnen. Während vodafone vorsichtshalber mal still blieb, entspann sich in den folgenden Tagen ein kleiner Dialog mit Base, in dem man mir zuerst riet, mein Smartphone von 3G auf die langsame 2G Verbindung herunter zu konfigurieren um später nachzufragen, wo genau denn diese Verbindungsprobleme auftauchten. Abgesehen davon, dass das Einlegen einer Bremse im Smartphone das Problem nicht löst, aber auch die eh’ niedrige Verbindungsgeschwindigkeit nicht weiter reduziert, ist es für einen Reisenden im Zug schlecht ersichtlich, wo er sich gerade konkret befindet. Jedenfalls, wenn der Zug fährt. Meine Antwort konnte daher nur lauten, auf der gesamten Strecke zwischen den Städten. Wenn man auf die Karte schaut, sieht man, es gibt derer nicht viele, dafür aber viel plattes Land. Vielleicht könnte sich man jemand aus dem e-plus Netzteam in den Zug setzen und die Strecke abfahren…. 
Mein persönliches Fazit: Problem erkannt, Lösung nicht möglich, Kommunikation des Unternehmens grenzwertig. Immerhin hat Base reagiert, während vodafone schweigt.
Der Twitter Dialog dazu ist öffentlich, unter #Base aufrufbar. 

Zurück zum Grundsätzlichen, denn Dialoge dieser Art finden sich in allen social communities. In den Unternehmen selbst findet das ganze unter dem Begriff “Social CRM” statt. Ein Begriff, der versucht, den Bogen zwischen dem klassischen Kundenbeziehungsmanagement CRM bzw. heute auch xRM mit Verschiebung des Fokus vom Kunden auf das jeweilige Projekt und den sozialen Medien zu spannen. Nur, dass derzeit wenig konkretes dazu verfügbar ist, auch wenn z.B. Softwareanbieter dies anders sehen. Fakt ist, Unternehmen können das Verhalten gegenüber ihren Kunden und Interessenten in einer realen Welt nicht mit virtuellem Geplänkel aus Facebook synchronisieren. Auch wenn heute intelligenten Software zur Verfügung steht, die bei (vermeintlich negativen) Kommentaren Meldung erstattet und evtl. sogar die Personen, die sich äußern, nachverfolgt. Ähnlich wie bei der Einführung eines CRM muss im Unternehmen vorher definiert werden, welche Ziele verfolgt werden und wo der Mehrwert liegt, wenn man sich in sozialen Netzwerken engagiert. Will man eine reine Jubelplattform, auf der bei jeder Neuankündigung everybody is very excited, will man in einen echten Dialog treten, auch auf die Gefahr hin, durch eine unbedachte Antwort im Extremfall einen Shitstorm zu provozieren oder will man ein Forum schaffen, in dem User sich untereinander unterstützen können? Oder vielleicht alles auf einmal? Zumindest die beiden letzten Varianten lohnen die Beschäftigung damit.
In einer gerade veröffentlichten Studie (PDF) zum Thema Nutzung von Sozialen Medien im B2B Bereich steht neben verschiedenen anderen interessanten Aspekten zu Nutzung und Branchen das bemerkenswerte Fazit:

Viele Faktoren sprechen aber dafür, dass das Thema soziale Netzwerke vom Management der Unternehmen nicht zu Ende gedacht ist und nach wie vor Social Media mehr taktisches Geplänkel als durchdachte Strategie ist.

Genau das ist mein Eindruck, wenn ich die Unternehmenspräsenzen in sozialen Medien beobachte. Es ist eine “me, too”-Welle, nach dem Motto, wir müssen jetzt auch was machen, weil die Konkurrenz sich dort ebenfalls einbringt. Notfalls wird es halt ein Sprung in’s Haifischbecken.

Der Kölner Dom an einem sonnigen Sonntag im Oktober.

Der Kölner Dom an einem sonnigen Sonntag im Oktober.

Sonne, Himmel, Beton.
Berlin, Alexanderplatz 2012

Sonne, Himmel, Beton.
Berlin, Alexanderplatz 2012

Zornig!

Ich bin zornig heute. Wegen dieser Frau. Nein, nicht wegen dieser Frau als Mensch und Hauptdarstellerin ihrer Inszenierung. Sondern wegen des Erfolges, den sie mit dieser Inszenierung hat. Bei der Presse zum Beispiel.
Unisono bekommt sie Raum ohne Ende die Republik mit ihren Befindlichkeiten zu langweilen. Redaktionen stürzen sich darauf, geben ihr Platz auf Seite Eins. Oder im Web auf dem Startbildschirm.
Dabei ist die Zeitung ganz weit vorne, die ihren Mann und damit sie in die verdiente Bedeutungslosigkeit geschrieben hat.
Ich frage mich, will sie ihr Buch pushen, sie hat neuerdings den Titel Unternehmerin, als Gründerin einer Agentur. Will sie zurück ins Rampenlicht? Diesmal allein, denn ihr früherer Türöffner ist für Jahre ‘draußen aus dem rechte-Tasche-linke-Tasche Politik- und Postentauschspiel. Vielleicht fehlt es ihr. Und da braucht es eigene Publicity. Und eine Presse, die ihr begeistert eine Plattform bietet. Vor allem, wenn sie als einsame Streiterin für ihre Rechte und die ihrer Kinder auftritt und dabei keine Scheu hat, selbst Google anzugehen. Wir brauchen das anscheinend, denn die wirklich wichtigen Themen werden dafür zurückgestellt oder als “alternativlos“ abgefertigt.
Im Februar habe ich gewettet, sie wird am Jahrestag des Rücktrits ihres Mannes auch von ihm zurückgetreten sein, denn er kann ihr nicht mehr bieten, als ein Klinkerhaus in Großburgwedel. Sein Abgang eine einzige Peinlichkeit, was ihm vorgeworfen wurde, Klein-Klein. Hätte er ein paar Millionen verballert, es hätte einen gewissen Stil gezeigt. Aber es waren nur ein paar Tausender, die Aufregung galt nur seiner peinlichen Auftritte dazu. Und sie mittendrin. Nächstes Jahr bei der Trennung sehen wir sie wieder. Ich vermute, ein Industrieller aus dem Ausland wird dabei eine Rolle spielen.
Aber bis dahin bitte wieder zurück in die verdiente Bedeutungslosigkeit, denn wer zum Teufel ist Bettina Wulff?

Reizueberflutung

ESM vor dem Verfassungsgericht, Ihre Unsäglichkeit Madame Wulff, marodierender arabischer Mob, chinesische Schiffe gegen japanische Schiffe, NSU und Geheimdienste, das Leistungsschutzrecht, Twitterdiskussionen über Europa, die unendliche Beschneidungsdebatte, Geld für oder gegen Griechenland …. und das neue iPhone.
Wo fange ich an?
Gar nicht, Wochenende!!!

the rest of the best … (Wurde mit Instagram aufgenommen)

the rest of the best … (Wurde mit Instagram aufgenommen)

Köln, Media Tower (Wurde mit Instagram aufgenommen)

Köln, Media Tower (Wurde mit Instagram aufgenommen)

Leistung muss sich wieder lohnen!

Dieser alte CDU-Slogan aus der Zeit von Helmut Kohl ist aktuell wie nie. Wieder einmal. Diesmal sieht sich die aufrechte, ehrliche, immer eifrig bemühte, aber dabei darbende deutsche (Groß-)Verlagswelt in ihren Grundfesten bedroht und fordert daher den Schutz von Leistung. Eigentlich auch nicht einmal ihrer eigenen, sondern der der Autoren, die für sie schreiben, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein und ihnen vorwerfen, dass sie dabei evtl. irgendetwas verwechseln. Außerdem soll diese Leistung auch nicht wirklich geschützt werden, denn wäre sie ja nur sicher und nicht verwertbar, verwertbar meint hier in klingende Münze umzusetzen. Denn darum genau geht es. Die großen Printverlage möchten ihr Geschäftsmodell aus dem 19. Jahrhundert in unsere Internetwelt ‘rüberretten. Unumstößlich, per Gesetz.

Schuld an der vermeintlichen Misere der Verlage ist natürlich wieder einmal das Internet im allgemeinen, die (vermeintliche) vermaledeite Umsonstkultur dort im besonderen und Google sowieso. Also wurde über drei Jahre unter Einsatz aller möglichen Mittel, gerne auch in den eigenen Publikationen, etwas dagegen unternommen. Vielleicht waren Friede Springer und Liz Mohn bei Frau Merkel zum Tee, vielleicht war es ein “family business” zwischen den Brüdern von Klaeden (der eine, Eckhard, Staatsminister im Kanzleramt, der andere, Dietrich, beim Springer Verlag zuständig für Regierungsbeziehungen) oder vielleicht gab es auch “nur” den Hinweis auf die Notwendigkeit printmedialer Unterstützung der Regierungsparteien im kommenden Wahlkampf (anders ausgedrückt die Drohung mit Liebesentzug, man denke an die ehrenwerten Herren zu Guttenberg und Wulff, die von BILD abgeschossen wurden). Jedenfalls ist es nach dreijähriger Lobbyarbeit da: die Manifestation des sogen. Leistungsschutzrechts im Kabinett. Allerdings müssen Bundestag und und Bundesrat noch zustimmen, was derzeit zweifelhaft erscheint. Der Kabinettsbeschluss war laut Koalitionsvertrag notwendig, auch wenn es selbst auf Seiten der Regierungsparteien kritische Stimmen dazu gibt. Man könnte auch vermuten, der Satz “Steht im Koalitionsvertrag” ist eine Umschreibung von “Wir wissen selber, dass das absoluter Blödsinn ist, aber wir haben mehr Angst vor BILD als vor einer ganz großen Koalition von Linken bis Wirtschaftsverbänden”.
Kurz zusammengefasst ist es eine “Lex Google” geworden in dem Sinne, dass der Suchmaschinenbetreiber an die Verlage für seine mit kurzen Textschnipsel angereicherten Ergebnislisten zahlen soll. Denn, so die Argumentation der Verlage, Google verdiene mit diesen Zeilen, die dreisterweise von den Verlagsseiten geklaut werden, Geld durch Werbung. Profitiere also von den Werken anderer, die jetzt nicht mehr leer ausgehen, sondern dafür entlohnt werden wollen. Besonders pikant wird diese Forderung der “Qualitätspresse”, wenn man sich zu Gemüte führt, dass nicht die Urheber, also die Autoren der Texte bezahlt werden sollen, sondern die Verlage. Also diejenigen, die keine eigene geistige Leistung beisteuern, sondern nur die Plattform und wie man meinen könnte, die Richtung bestimmen.
Man muss es sich genüßlich im Munde zergehen lassen, die Verlage wollen Geld dafür, dass Google ihnen Traffic auf die Seiten bringt. Und ihnen damit Werbemöglichkeiten bietet. Die ganze Verlogenheit der Argumentation der deutschen Presseverleger zeigt sich daher darin, dass sie von der Möglichkeit, durch ein paar Zeilen Code auf ihren Internetseiten eine Auflistung in den Suchergebnissen von Google verhindern können, keinen Gebrauch machen. Sie wollen also zwingend “gefunden” werden - und kassieren. Es geht nicht um Journalismus, um Qualität oder Meinungsfreiheit, es geht rein um Kohle. Dazu habe ich heute eine hübsche Karikatur gesehen, die auf zwei Bildchen zeigt, wie ein Mann zuerst wild mit den Armen rudernd ein Taxi ruft und dann, drin sitzend, um Hilfe schreit, weil er sich entführt wähnt.
Ursprünglich wollten die geschäftigen (bitte nicht verwechseln mit geschäftstüchtigen, s.u.) Verlagsstrategen nicht nur Suchmaschinen belangen, sondern auch Blogger und andere Linksammler. Das ist zunächst mal vom Tisch, allerdings so gewohnt unpräzise formuliert, dass die hierzulande besonders gut organisierte Abmahnmafia vermutlich schon parat steht.
Was allerdings anscheinend von den Protagonisten auf Seiten der Verlage, allen voran der sich selbstlos als heroischer Kämpfer für die Sache gebärdende Christoph Keese, Springer Lobbyist und für mich eine der unsäglichsten Figuren in der selbsternannten deutschen Qualitätspresse, nicht berücksichtigt wurde ist, der größte Teil der Meldungen in Print und Web kommt entweder von Agenturen oder wird gegenseitig abgeschrieben. Deshalb sind die Meldungen auch so einheitlich. Daher freue ich mich auf lustiges gegenseitiges Abmahnen bzw. kostenpflichtiges “lizensieren” der Inhalte. Zurück zu Keese, der vermutlich für Geld auch durch brennende Reifen springen würde, er trommelt gegen die angeblich Ungerechtigkeit gegenüber den Verlagen, verschweigt aber das ein oder andere und erstellt eine tolle Rechnung zu den Beträgen, die Google erwirtschaftet und hält dann seine Hand auf um davon zu profitieren. Dann, quasi als Sahnehäubchen, entblödet er sich nicht, ganz Opfer übler amerikanischer Internetmachenschaften, Google dreist mit Konsequenzen zu drohen, sollte sich der Konzern entschliessen, sich dieses Themas auf seine Art und Weise anzunehmen. Zugegeben, das nennt mal wohl Chuzpe, ein privatwirtschaftliches Unternehmen lässt sich ein Gesetz schreiben, dass im wesentlichen ein anderes, zudem ausländisches privatwirtschaftliches Unternehmen zwingen soll sein Geschäftsmodell erstens weiterhin anbieten zu müssen und zweitens an Unternehmen eins dafür zu zahlen. Warum erinnert mich das jetzt an die GEZ? 
Google wird sich nicht darauf einlassen, für seine Suchergebnisse an die Verlage irgendetwas zu zahlen, vielleicht sollten sie erwähnen, dass Journalisten für ihre “Qualitätsarbeit” auch gerne mal mittels Google im Web recherchieren, also ihren Job nur aufgrund kostenloser fremder Leistung, der Bereitstellung einer Such-und-Find-Technik, machen können. Vielleicht sollten sie Google an ihren Einnahmen daraus beteiligen? Eine Gebühr für gewerbliche Recherche an den Suchmaschinenanbieter, der die Leistung erbringt? Es ist nicht realistisch, aber Google könnte sich tatsächlich entschließen, die deutschen Verlage aufgrund der Rechtsunsicherheit in der Frage evtl. Lizenzierungen aus seinem Index werfen. Das bedeutet, die Seiten können nicht mehr gefunden werden, sondern Zugriffe müssen direkt erfolgen. Die Ergebnisliste der Eingabe von “faz” würde somit erst mit Eintrag sechs beginnen. Damit würden die Hits auf die Verlagsseiten dramatisch einbrechen, Keese kann noch so tönen, die Werbeeinnahmen brechen weg und nach ein paar Monaten ist der Größenwahn der deutschen Verlagswirtschaft gebrochen. Am Ende wird man sich einigen und ich behaupte, diese Einigung sieht keine Zahlungen von Google an irgendwen vor. Und das ist gut so! 

Eigentlich fast unnötig zu erwähnen, dass die wenigen Pseudoargumente für das “Leistungsschutzrecht” vielerorts im Web widerlegt werden. Und zwar von diversen Stellen, die sonst durchaus wenig Gemeinsamkeiten aufweisen. Z.B. hier, hier, hier und auch ganz besonders drastisch hier
Am Ende noch der Hinweis, Sascha Lobo hat dazu ein paar interessante Aspekte beigesteuert, insbesondere seine fünf Fragen sind wert seinen Beitrag zu lesen. 

Das grosse Thema

Ein Thema fehlt bisher. Ich recherchiere, sammele Links, spreche mit Menschen, die etwas dazu zu sagen haben. Aber es ist zu umfassend für einen einzelnen Artikel. Es werden wohl mehrere, dies hier ist die Ouverture, um gleich in’s Thema zu verweisen.

Es geht natürlich um das Urheberrecht. Ein “Subject”, das uns alle irgendwie und irgendwo betrifft, denn jeder, der dies liest, tut das an einem Computer, einem Pad, einem Smartphone. Und all diese Geräte sind vom Urheberrecht betroffen. Entweder, das ist der einfachste Weg, über eine zwangsweise erhobene Geräteabgabe an Verwertungsgesellschaften oder als Werkzeug zur Erzeugung von Werken, die unter das Urheberrecht fallen.

Ich versuche in den folgenden Beiträgen das Thema aus der Sicht des Konsumenten, des Kunden, der zahlt, zu beleuchten. Unter allen Pro- und Antagonisten der aktuellen Diskussion spielt dieser Typus anscheinend die geringste aller Rollen. Aber eigentlich die wichtigste: er zahlt! Und hat dabei trotzdem den wenigsten Einfluss u.a. auf sein eigenes Schicksal in diesem Zusammenhang.

Diskussion und Meinungen bitte bei facebook.

Die Veschwoerung findet nicht statt!

Am Freitag vergangener Woche wurde in Deutschland ein Tabu gebrochen. Das Verfassungsgericht hat in großer Besetzung unter gewissen Umständen den Einsatz der Bundeswehr in Inland erlaubt. Seither wirbelt es mächtig und die Spanne der Kommentare reicht von der Vorstellung des prominenten Piraten Bruno Kramm, demnächst könnten Demonstranten mit Panzern konfrontiert werden, über die Kritik von Heribert Prantl, das Verfassungsgericht habe die Verfassung geändert, ohne dazu legitimiert zu sein und die Anmerkungen des geschätzten Heinz Sauren in seinem Blog bei facebook, bis hin zur obligatorischen Zerstrittenheit darüber in der Koalition, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. 

Das Verfassungsgericht selber hat es sich nicht leicht gemacht mit diesem Urteil, Richter Reinhard Gaier gab ein abweichendes Sondervotum ab. Das Grundsatzurteil von 2006 zu einem möglichen Abschuß entführter Flugzeuge durch die Luftwaffe bleibt unberührt und es wurde ausdrücklich untersagt, mit Soldaten gegen eine Demonstration vorzugehen. Gerade im Falle eines entführten Flugzeugs möchte ich persönlich nicht vor der Wahl stehen, denn hier besteht der Konflikt darin, dass ein Staat nicht nur Verpflichtungen Einzelnen gegenüber hat, sondern genauso auch gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung. Diese Entscheidung hat in der Geschichte der Bundesrepublik Helmut Schmidt im “deutschen Herbst” treffen müssen und im Fall des entführten Hanns Martin Schleyer das Wohl des Einzelnen gegenüber der Gesamtheit zurückgestellt. 

Zurück zur aktuellen Diskussion. Für mich als ausgewiesenen Ignoranten jedweder Verschwörungstheorie gegenüber, manifestiert sich in den Reaktionen auf dieses Urteil in erster Linie der nach wie vor vollkommen verkrampfte Umgang der öffentlichen oder zumindest veröffentlichten Meinung in diesem Land mit dem Thema Militär allgemein und Bundeswehr im besonderen. Ein Punkt, der unsere relativ junge Demokratie z.B. von den älteren in unserer Nachbarschaft unterscheidet. Das in der jungen BRD aus der Erfahrung des preussischen und deutschen Militarismus heraus u.a. von den Grafen Baudissin und Kielmannsegg entwickelte Konzept des “Staatsbürgers in Uniform” ist anscheinend nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen. Die Abkehr von dieser Direktive zeigt sich in der Umwandlung der Wehrpflichtigenarmee in eine Freiwilligenarmee (=Berufsarmee) im vergangenen Jahr, die sang- und klanglos über die Bühne ging und gerade auf der Seite derjenigen, die jetzt gegen das Urteil protestieren, anscheinend nicht in ihrer tatsächlichen Tragweite erfasst wurde. Genau diese Umwandlung halte ich persönlich für eine wesentlich größere Gefahr für unser Gemeinwesen, als eine diffuse Angst vor Panzern vor dem Reichstag. Wenn wirklich etwas an den Verschwörungstheorien dran sein sollte, ist es deutlich einfacher eine unpolitische Freiwilligenarmee, die in Weimar mit “Staat im Saate” beschrieben wurde, gegen das eigene Volk einzusetzen, als eine Truppe von Wehrpflichtigen, mit politischem Bewusstsein und entsprechender Bildung. Extrembeispiel ist eine Milizarmee, wie sie bspw. in der Schweiz existiert, in der die Armee selbstverständlicher Teil der Gesellschaft ist ohne dass diese Gesellschaft negativ militarisiert wurde.
Wer allerdings in Soldaten grundsätzlich Kriminelle und Mörder sieht, den wird dieser Unterschied nicht interessieren. 
Andererseits, ich glaube wie gesagt nicht an Verschwörungstheorien. Aber ich sehe, dass eine Freiwilligenarmee in diversen Ländern gut funktioniert, ohne dass gleich der Staat in eine Diktatur umgewandelt wird. Auch oder gerade im Falle der Terrorabwehr sollte sich derjenige mit der Situation auseinandersetzen, der dazu am besten geeignet und ausgerüstet ist. In Großbritannien z.B. kann es durchaus passieren, dass sich im Extremfall der SAS auch im Inland in eine Geiselnahme einmischt, ohne dass es gleich zur Vermutung kommt, das Land mutiere zu einer Militärdiktatur. Vermutlich hatten die deutschen Richter eine ähnliche Situation vor Augen, als sie ihr Urteil sprachen. Es geht nicht um Großeinsätze, sondern punktuelle Unterstützung, wo Polizei oder Bundespolizei nicht helfen können, weil es ihnen an Ausbildung und Material mangelt. In Fakt, ein “Job” für Spezialkräfte wie KSK, Fallschirmjäger oder Kampfschwimmer. Ein Fall, der mir immer wieder den Irrsinn der aktuellen (Rechts-)Lage vor Augen führt, ist das Theater, dass veranstaltet wurde, als 2009 die GSG 9, eine Polizeieinheit (!), die vor Somalia gekaperte deutsche Hansa Stavanger befreien sollte. Die Misson sollte von einem amphibschen Träger der US-Flotte aus starten und stand von Anfang an unter eifersüchtiger Beobachtung und Kompetenzgerangel zwischen Innen- und Verteidigungsministerium. Das ganze wurde dann komplett abgeblasen, u.a. wohl auch weil die Amerikaner das deutsche Theater leid waren. Die Geiseln kamen erst Monate später nach hoher Lösegeldzahlung frei. Da frage ich mich als unbedarfter Beobachter, warum muss das von einer Polizeitruppe, die sich nicht einmal aus eigener Kraft im Zielgebiet bewegen kann, durchgeführt werden und nicht von der Marine, die z.B. Kampfschwimmer mit einem UBoot heranbringen kann. Der Grund ist, Schiffe unter deutscher Flagge gelten als Inland und daher darf die Bundeswehr nicht eingesetzt werden. Man sollte mal die entführten Besatzungsmitglieder des Schiffes fragen, wie sie zu dieser Regelung stehen. Immerhin wurde dadurch ihre Qual deutlich verlängert.

Einige Argumente der Gegner der aktuellen Entscheidung sehe auch ich durchaus begründet. Der wesentliche Punkt ist, es bleibt ein Spielraum, ein Spielraum, der entweder durch die Praxis oder durch weitere Entscheidungen konkretisiert werden muss. Ob es dazu einer expliziten Änderung des Grundgesetzes bedarf, kann und möchte ich nicht beurteilen. Vermutlich aber, da hänge ich mich jetzt einmal aus dem Fenster, sind die Aufklärungsflüge der Luftwaffe während der Demonstrationen beim Gipfel in Heiligendamm 2007 auch nach der neuen Lage illegal.
Allerdings und da widerspreche ich Kramm sehr vehement, eine Position, die sich aus Halbwissen und Mythen speist, ist nicht hilfreich in der Diskussion. Seine mit einigen Schlagwörtern belegte Begründung, die eindeutige Trennung der Einsatzbereiche innen und aussen resultierte aus den Erfahrungen im Dritten Reich, kann ich so nicht stehen lassen. So war für den Terror im Reich während der Herrschaft der NSDAP eben nicht die Wehrmacht, also die Armee, verantwortlich, sondern Polizei, Inlandsgeheimdienst (Gestapo) und die Terrortruppen SA und SS, die beide vollkommen unabhängig von der Wehrmacht operierten und aufgestellt waren und von ihr zumindest in Bezug auf die Waffen SS als Konkurrenz angesehen wurde. Hier treffen wir interessanterweise auf den erwähnten Gegensatz von Freiwilligen (Waffen SS, zumindest bis 1943) und Wehrpflichtigen aus dem Volk (Wehrmacht). Auch die große Demütigung der Wehrmacht durch die politische Führung nach dem gescheiterten Attentat der Gruppe um den Grafen Stauffenberg am 20. Juli 1944 mit Standgerichten und Schauprozessen vor dem sogenannten “Volksgerichtshof” fand nicht innerhalb der Wehrmacht statt. Es war vor allem die Gestapo, die hier gegen die eigene Armee wütete und alle echten und vermeintliche Feinde des deutschen Terrorregimes gnadenlos verfolgte.

Ein Resultat, man kann sagen, eine Lehre aus dieser Vermischung von Polizei und Geheimdienst, ist die heutige wichtige und richtige Trennung dieser beiden. Wenn sich daran etwas ändern sollte, halte ich das für wirklich bedenklich.

Ein weiteres Beispiel, eigentlich das klassische Beispiel in Deutschland schlechthin, wo dieses bedingungsloses Verbot des Einsatzes der Bundeswehr im Inland eine Katastrophe produziert hat, ist München 1972. Die Geiselnahme des israelischen Olympiateams endete im Blutbad auf dem Flugfeld von Fürstenfeldbruck, weil die beteiligten Polizeieinheiten weder ausgebildet, noch für diese Fälle ausgerüstet waren. Allein die Bundeswehr hätte über die notwendigen Kräfte verfügt, die Geiselnahme wie politisch geplant zu beenden. Ironie des Schicksals ist, dass der an den Ereignissen direkt beteiligte Adjutant des damaligen Bundesinnenminister Genscher Ulrich Wegener hieß. Danach wurde von ihm eine Spezialtruppe beim Bundesgrenzschutz gegründet, dieselbe GSG 9, die 1977 in Mogadischu die entführte Landshut befreite und wie erwähnt 2009 vor der Küste desselben Landes so schmählich abziehen musste.

Das Fazit für mich, derzeit sehe ich das Thema wachsam, aber eher entspannt; möchte mich dieser Meinung weitgehend anschliessen. Wichtig ist, die Entwicklung bewusst zu verfolgen und auch mal die Scheuklappen abzunehmen.