Under construction. 07/2012
Officebuilding in Melk, Austria
Architect: unknown
Die rote Fassadenverkleidung setzt ein Zeichen, dass das Gebäude aus der farblosen Umgebung hervorhebt.
Das Gebäudes gliedert sich in mehrere eher schlichte, weiss und grau verputzte, Baukörper, die formal durch das rot verkleidete, den Eingangsbereich überkragende Obergeschoss zusammengehalten werden.
(via architecture-now)
Wir sind alle beschnitten. Manche aber an anderer Stelle…
Der Titel sagt es, es geht um die unsägliche Beschneidungsdiskussion kleiner Jungen, die in diesem Land gerade den Bogen von juristischer Fachliteratur bis in’s aufgeregte Feuilleton spannt.
Was ist passiert? Das Kölner Landgericht hatte im Fall eines moslemischen Jungen in zweiter Instanz verfügt, die Beschneidung aus religiösen Gründen ist strafbar. Die körperliche Unversehrtheit eines Kindes geht vor religös motiviertem Brauchtum, wenn sich das Kind nicht bewusst dafür entscheidet. Und das fällt einem Säugling nachvollziehbar schwer.
Hört sich zunächst wenig nach einem Aufreger in einem säkularen Staat mit unabhängiger Gerichtsbarkeit an.
Wenn man aber kurz (gerne auch länger) darüber nachdenkt, sieht man die Lunte glimmen. Dieses einfache Urteil ist geeignet den ganzen alten Schmodder im Verhältnis von Kirchen bzw. Religoinen - interessant dabei ist, die christlichen Kirchen sind gar nicht direkt betroffen, aber aufgrund ihrer Existenz zumindest indirekt - und dem weltlichen Gemeinwesen wieder mal kräftig umzurühren.
Der Zentralrat der Juden bekundete sofort seinen Protest, der Zentralrat der Muslime ebenso. Die Juden sehen in dem Urteil
einen beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften.
Erwartungsgemäß schlossen sich christliche Kirchen der Kritik im Hinblick auf die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit und auf das Recht der Eltern an.
Soweit die Fakten, mir fällt schwer, eine Meinung zum Thema Beschneidung bei Babies bzw. Kleinkindern zu bilden. Ich bin hin und her gerissen. Es gibt einige wesentliche Aspekte, die zu berücksichtigen sind, aber sich gegenseitig im Weg stehen.
Da ist ganz oben das angeführte Recht auf körperliche Unversehrtheit. Zweifellos an sich das höchste Gut, dafür steht die Entscheidung des Gerichts. Das wird jeder unterschreiben, ich vermute auch jeder gläubige Christ, Jude oder Moslem. Jetzt gibt es medizinische Aspekte, die man auch berücksichtigen kann. Einem kurzen Eingriff bei einem kleinen Jungen, der mit Sicherheit weh tut, steht später vermutlich - da streitet man sich, auch unter ideologischen Gesichtspunkten, s.u. - eine geringere Infektionsgefahr bzgl. Geschlechtskrankheiten bis hin zu AIDS entgegen. Wenn das tatsächlich so ist, wie gesagt, es gibt wie bei jeder “Wissensschaft” auch gegenteilige Meinungen, dann steht hier Risiko heute gegen vermindertes Risiko später. Interessanterweise finanziert Deutschland Beschneidungsprogramme der WHO in der Dritten Welt zur AIDS Prävention mit. Und jetzt? Hier Körperverletzung, in Afrika nicht?
… abgesehen davon, dass der Akt der Beschneidung hier in eine Grauzone abdriftet, die nicht mehr kontrolliert werden kann und aus medizinischer Sicht zweifelhaft wird. Ich kann mir nicht wirklich qualifiziertes Personal in einem Keller oder in einer Hinterhofkammer vorstellen, denn beschnitten wird weiterhin.
Nächster Punkt, Religion vs. säkularer Staat. Hier geht es um ganz andere Dinge. Der gemeine Religionsbasher sieht seine Steilvorlage um wieder einmal gegen den unverantwortlichen Einfluß der Religionen ins Feld zu ziehen. Laut Urteil haben sowohl Judentum, als auch Islam, ein Problem mit den Menschenrechten und da kann man natürlich sofort reingrätschen. Kein Argument ist ungeeignet, kein Vergleich zu dümmlich. In den Diskussionen, u.a. im SPON-Forum, wird munter von “Verstümmelung” und “Amputation” fabuliert und auf in Studien erwiesene Nachteile später beim Sex hingewiesen. Die Vorhaut erhält eine Wichtigkeit, da tritt selbst das Thema Eigenentrechtung des Parlaments durch den ESM schamvoll in den Hintergrund. Interessant dabei ist, dass diese Art der “Argumentation” ausschliesslich von unbeschnittenen Männern kommt. So wie ein Priester über Ehe und Sex redet, sprechen diese Herren über sexuelle Nachteile ohne Vorhaut.
Höhepunkt der “Diskussion” ist dann der Vergleich mit der Beschneidung von Mädchen bzw. Frauen. Das ist eine echte Verstümmelung, ein Verbrechen, ein unwiderruflicher Akt der Unterdrückung und absolut nicht mit der Entfernung der männlichen Vorhaut zu vergleichen und dies anzuführen sagt viel über die Denkweise, Abstraktionsfähigkeit und demokratischer Toleranz Andersdenkenden gegenüber aus. Ich befürchte, wer die Beschneidung deshalb als Körperverletzung einstuft, weil es hier um Religion geht, würde auch Umerziehungslager für Gläubige jeder Art bewachen.
Jetzt kommt der nächste Punkt. Deutschland schränkt die Juden in der Ausübung ihrer Religion ein. Da ist es wieder Deutschland und die Juden, die davon wie erwartet nicht begeistert sind. Dieser politische Aspekt wird in dem Urteil nicht berücksichtigt. Ob damit jetzt ein Praktizieren des jüdischen Glaubens in Deutschland nicht mehr erlaubt ist, sei dahingestellt, der Eindruck kann aber entstehen.
Schlussendlich, was ist mit den Elternrechten? Eltern entscheiden alles für ihre Kinder, sie drängen ihnen ihre Werte auf in jeder Hinsicht, man nennt das gemeinhin “Erziehung”. Sie zwingen sie sogar gelegentlich, z.B. zum Schulbesuch, sie lassen ihren kleinen Töchtern Ohrlöcher stechen, was auch weh tun kann und wenn man Pech hat, ein ganzes Leben lang. Die Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder bis zum 18. Lebensjahr unbeeinflusst von “bösen” Religionen erziehen, damit diese Kinder endlich in der Lage sind, ihren ursprünglichen Atheismus zu erkennen, ist vollkommen weltfremd. Ähnlich wie das bewusste verbieten von Nutellabrötchen oder Spaghettieis, bekanntlich den späteren Appetit darauf verhindert. Wenn das Urteil nicht in einer höheren Instanz kassiert wird, müssen Kinderärzte bald melden und damit die Eltern kriminalisieren, wenn sie auf beschnittene kleine Jungs treffen und keine Indikation vorliegt.
Ich bin nicht sicher, ob es hier einen Ausweg gibt. Das Urteil hat ein Fass aufgemacht und den Deckel weggeworfen. Die Diskussion ist alles andere als entspannt, selbst eine ironische Betrachtung, wie die von Harald Martenstein zeigt das. Lesenswert finde ich in jedem Fall den Blogbeitrag von Marina Weisband, einer Jüdin, die einen sehr pragmatischen Ansatz vertritt.
Anscheinend ist das Thema jetzt auch in der Politik angekommen. Ob es dadurch gelöst wird oder auch nur vereinfacht, darf traditionell bezweifelt werden.
Damit schließt sich der Kreis und ich bin wieder bei meinem Titel: wir sind beschnitten, beschnitten in der Argumentation und in der Handlungsfähigkeit. Und manche auch an der Vorhaut.
Vielleicht ist die Beschneidungsdiskussion notwendig, vielleicht aber eher schädlich, weil sie durch das Urteil eines weltlichen Gerichts angestoßen wurde.
Schönen Sonntag!
Wurde mit Instagram aufgenommen
Zwischenstand
… ich habe Themen, aber kaum Zeit im Moment.
EU, Ermächtigungsgesetz zum Schutz der Märkte (vor der Demokratie), Bruch der Verfassung, Volksabstimmung, ein Parlament, dass sich freudig erregt und zumindest im Falle der Grünen wild heuchelnd selber seiner vornehmsten Rechte entledigt, die GEMA, die unsägliche, Urheber- und Leistungsschutzrechte bzw. nicht …
2012 ist viel unterwegs, machen wir was daraus oder wollen wir warten, bis die anonymen das für die Welt tun?
Schufa & HPI reloaded
Neueste Meldung aus dem Spiegel, das HPI stellt die Zusammenarbeit ein.
Alles gut bei der Schufa …. oder wir kriegen sie alle.
Ich wollte meinen nächsten Text zum aktuellen Dauerbrenner Urheber und ihre Rechte schreiben, meint ich wollte ihnen und ihren dreisten Verwertern ob ihres dämlichen und selbstverliebten Gejammers eine volle Breitseite aus 16 Zöllern verpassen, aber “leider” kam nun eine aktuelle Sondermeldung dazwischen.
Die Presse meldet, die allseits bekannte, aber nur wenig beliebte SCHUFA, Mottozeile “Wir schaffen Vertrauen”, will sich noch intensiver um ihre Schäfchen, also uns, kümmern und dazu auch Daten aus sozialen Netzwerken heranziehen, um unsere Kreditwürdigkeit noch besser beurteilen zu können. Die Meldung kam ursprünglich vom NDR und andere Publikationen bezogen sich darauf.
Laut NDR hat sich die Schufa dazu mit dem renommierten Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam (HPI) zusammengetan und eine Studie entwickeln lassen in der es um Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web geht. Anscheinend hat das HPI aufgrund der Berichte in der Presse mittlerweile gemerkt, dass dieses Thema nicht wirklich gut ankommt beim geneigten Publikum und wiegelt in einer eilig produzierten Stellungnahme einerseits inhaltlich ab und unterstellt andererseits den beiden NDR Journalisten die Absicht, einen “Skandal” produzieren zu wollen. Dazu die offizielle Pressemitteilung zum gemeinsamen Projekt (download eines pdf möglich):
Ziel des Projektes ist die Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web. Forschungsschwerpunkte sind einerseits die Validierung von Daten und anderseits Technologien zur Gewinnung von Daten.
Das heisst nun alles und nichts. Ist diese “Klarstellung” ein Grund, sich beruhigt zurück zu lehnen? Ich finde, nicht im geringsten. Wenn es sich bei dem Auftraggeber nicht ausgerechnet um die Schufa handeln würde, sondern um den Kaninchenzüchterverein Köln-Merheim e.V., der so die Reichweite seiner Fanpage auf Facebook eruieren will, wäre ich vollkommen beruhigt, denn es gibt keine Verbindung zwischen mir und den Tieren mit den langen Ohren. Aber der Name “Schufa” lässt mich aufhorchen. Es gibt eine lange Tradition an Kritik an deren Verhalten und deren Daten zu Personen; mein eigener Auszug, den ich vor Jahren für meinen damaligen Vermieter abholte und der zwei Umzüge später immer noch in einem Ordner schlummert, enthält wohl eine Vermischung der Daten mehrerer Personen.
Eine Stellungnahme zu den Meldungen auf der Web site der Schufa finde ich Stand heute, 21:20 Uhr übrigens nicht.
Natürlich wollen die Journalisten des NDR sich nicht einfach so abklatschen lassen und gehen ihrerseits mit deutlichen Worten und Auszügen aus den ihnen vorliegenden Dokumenten in die Offensive. Damit sieht die ganze Sache vollkommen anders aus, als uns das HPI erzählt. Inbesondere der Passus bei dem es um das “dark web” geht, spricht eine andere Sprache, als das Ist-doch-alles-halb-so-wild-Pressetextchen. Scoring, VIP-Identifikation und extrahieren von Meinungsbildern hören sich deutlich anders an.
Die digitale Gesellschaft hat kurz und knackig reagiert und gefordert, dass die Schufa ihre Finger von privaten Daten lassen soll, die sie grundsätzlich nichts angehen und darüberhinaus ihre Algorithmen offenlegt. Dem kann ich mich nur anschliessen!
Die Einbeziehung sozialer Netzwerke in dieses Forschungsprojekt mit kommerziellem Hintergrund gibt der ganzen Geschichte eine neue Qualität. Auch wenn offiziell betont wird, sich allein auf öffentlich zugängliche Daten zu beschränken, sollte sich niemanden in Sicherheit wiegen. Zur weitgehenden Absicherung seines persönlichen Facebook Kontos hat SPON eine sinnvolle Anleitung publiziert, die sich schnell und einfach umsetzen lässt.
Eine kurze Recherche zur Schufa spült übrigens ein durchaus pikantes Detail nach oben. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende der Schufa, Dr. Michael Freytag, war bis 2010 als Hamburger Finanzsenator massgeblich in das Desaster der HSH Nordbank verantwortlich. Ein echter Politiker und Finanzexperte also. Man könnte vermuten, er hat sich in die neue Position retten lassen, als er als Finanzsenator nicht mehr tragbar war. Die HSH Nordbank konnte nur mit Landesmitteln gerettet werden, weil sie 2008, zur Amtszeit des Senators Freytag, 2,8 Milliarden Miese gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet. Zu der immer noch aktuellen Geschichte hier, hier und hier ein paar Zusatzinfos.
Mein Fazit, die Schufa macht den Vorreiter, aber es ist klar, dass ein Datensammler wie Facebook Begehrlichkeiten bei diversen Stellen weckt, die aus verschiedenen Gründen gerne Zugriff auf diese Daten hätten. Das betrifft kommerzielle, private wie regierungsamtliche Stellen und natürlich Polizei und Schlapphüte. In den USA scheint es durchaus üblich, dass Chefs nach dem Facebook Kontodaten der Jobkandidaten fragen, auch die Polizei sucht und findet gelegentlich den ein oder anderen Übeltäter bei Facebook. Werbetreibende interessieren sich grundsätzlich für unsere Daten, neu ist, dass eine Organisation, die dem eigenen Anspruch nach Vertrauen für Geschäfte schafft, mitmischt. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, auch wenn Datenschützer aufheulen. Der einzige wirksame Schutz vor dem organisierten Auspionieren durch mehr oder weniger obskure Organisationen ist der verantwortungsbewusste Umgang mit den eigenen Daten. Bewusst vor dem Einstellen in ein soziales Netzwerk. Wer so bekloppt ist, seine besoffenen Partybilder zu posten, ist schlicht selber schuld. Da habe ich nicht das geringste Verständnis für späteres Gejammer und die Suche nach Schuld bei Anderen. Vor-denken hat noch nie geschadet, man muss nicht alles posten, nicht jede Freundschaftsanfrage annehmen und kann z.B. berufliches von privaten Dingen trennen. Wenn mensch dann noch die paar Ratschläge aus der SPON Bilderschau (s.o.) befolgt, ist getan, was getan werden kann.
Katja Kipping sagt, Linke sind leidenschaftlich. Sind sie auch sonst noch was?
Vielleicht verfolge ich die Klatschspalten der bekannten Wartezimmerlektüren, dann bin ich bei der Trennung der schönen Sarah von Oldie Oskar hautnah dabei. Demnächst mehr …


