und noch einmal … Zuckerberg going public
Aufgrund eines weinerlichen Artikels in der sonst durchaus geschätzten SZ vom 23. Mai greife ich das Thema Facebook und die Börse erneut auf.
“Facebook stand für die Kletterpartie raus aus dem wirtschaftlichen Jammertal, doch der Börsengang wird gerade zur Kapitalvernichtung der Extraklasse. Die Aktionäre sind entsetzt, Klagen sind angekündigt. Firmenchef Zuckerberg hat einen Hoffnungswert geplündert.”
Anscheinend hat es beim großartigen Börsentamtam von Facebook in der letzten Woche einige Merkwürdigkeiten bzgl. Bewertung und folgender Information der potentiellen Anleger gegeben. Soweit so schlecht. Nicht umsonst hat das Mutterland des ungehemmten Glaubens an die Macht der Aktie eine Reihe von Kontrollmechanismen, Regularien und Aufsichtsgremien geschaffen, die grobe Abweichungen von der reinen Lehre eines sauberen IPOs und folgendem Handelsbetriebs rigoros sanktionieren. Insbesondere Informationsvorsprünge werden bekanntlich sehr massiv bestraft. Trotzdem scheinen die “bösen” Jungs im Handel der Aufsicht gerne mal einen Schritt voraus, es geht schließlich um ganz viel Geld…
Man kann jetzt streiten, ob dieser ganze Kontroll- und Sanktionsaufwand nur nötig ist, um ein Strukturproblem leidlich zu bändigen, nämlich den ungebremsten Glauben an die Heiligkeit des “Anlegers”, der Unternehmen als Lieferant für kurzfristigen Gewinn sieht und nur an der Maximierung dieses Gewinns interessiert ist. Das Unternehmen selber ist egal, es wird fallengelassen, wenn es ausgesaugt ist.
Nebenbei erwähnt, ein Grund, warum zumindest in Deutschland die wirklich erfolgreichen, stetig wachsenden Unternehmen genau keine öffentlich gehandelten Aktiengesellschaften sind, sondern inhabergeführt oder AGs mit nur geringem Einfluss von Anlegern. Der Plan der Familie Piëch, namentlich ihres Patriarchen, Volkswagen unabhängiger von der Börse zu machen, zielt anscheinend genau in diese Richtung.
Zurück zu Facebook. Anleger fühlen sich getäuscht. Betrogen. Nicht informiert. Alles zu recht. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite besteht aus vier Buchstaben: G I E R.
Zuckerberg wird in der SZ als Zocker dargestellt, aber ich frage mich, was sind die jetzt heulenden Anleger? Haben sie Aktien gezeichnet aus reinster Philanthropie? Wollten sie der Menschheit Gutes tun? Den Hunger in Afrika lindern?
Oder wollten sie Geld verdienen, am erwarteten Höhenflug der Aktie teilhaben? Ich behaupte letzteres.
Nun hat das nicht sofort geklappt, wie sich die Aktie entwickelt, sehen wir im Laufe der Zeit. Für mich ist noch nicht gesetzt, dass alles ein Schuss in den Ofen war und Facebook auf dem direkten Weg zu Penny Stock. Also (noch) kein Grund zur Panik.
Fest steht, die Gier der einen ist gut, die der anderen böse. Wann begreift der gemeine Anleger endlich, dass es eben kein Grundrecht auf steigende Kurse im eigenen Depot gibt und das Börsenspekulation immer ein Risiko beinhaltet? Bisher war die Anerkennung dieser einfachen Wahrheit im Land der unbeschränkten Sammelklagen nicht nötig, auch jetzt sieht es leider aus, als lässt sich noch etwas herausholen auf diesem Weg. Frei nach dem Motto, man ist für nichts selber verantwortlich, braucht nicht selber zu denken und wenn etwas schief geht, verklagen wir halt jemanden, der es schuld ist.
Die gute Nachricht ist aber immer noch, Facebook hat weiterhin 900+ Millionen Mitglieder und ist der wichtigste Player in der globalen Internet Kommunikation. Auch wenn diese Nachricht den armen Anlegern die Augen feucht werden lässt, weil es immer jemand anders gibt, dessen Tränen der Freude entspringen.