Krass, Herr Grass. Oder doch nicht?

Hat Günter Grass wieder ein Gedicht geschrieben und in der Süddeutschen veröffentlichen lassen. Nach dem Thema Kriegsgefahr im Nahen Osten jetzt Europa gegen Griechenland.

Meine Meinung zum shitstorm der politisch korrekten Betroffenheitskaste gegen das erste Gedicht ist bekannt, die zu dem neuen Gedicht, das sogar aussieht wie eins, folgt jetzt.
Wäre da nicht dieser ausgesprochen dämliche Artikel von Volker Weidermann in der FAS vom Pfingstwochenende, in dem das Grass'sche Werk in’s Lächerliche gezogen wird… Erkennbar, der Artikel gaukelt falsche Tatsachen vor, er lügt. Aber es bleibt ein Restzweifel. Ist die Süddeutsche nicht vielleicht doch noch vor der Titanic auf einen Eisberg aufgelaufen?
Nein, ist sie definitiv nicht. Das Gedicht ist echt, der Artikel in der FAS, für den sich der Autor nicht zu entschuldigen weiss, ist für mich schlicht albern. Und das in dem Sinne, dass man sich abwendet und fragt, ist es nötig, braucht die FAS/Z solche Beiträge mittlerweile? Dazu ein meiner Ansicht nach treffender Kommentar von Marcus Schwarze in einer “Provinzzeitung”. 

Zurück zum Inhalt. Grass wirft Europa vor, Griechenland, die Wiege der Demokratie und Kultur, den Märkten zum Fraß vorgeworfen zu haben. Man muss nicht Günter Grass heissen, um dieser Meinung zu sein, viele Menschen denken so. Ich gehöre auch dazu. Jeder drückt diese Meinung in seinen Worten und seiner Sprache aus; manche finden wenig, manche mehr Publikum. Grass hat ein großes Publikum, er hat Medien, die ihm eine Plattform bieten. Direkt die Süddeutsche Zeitung, indirekt nahezu alle anderen, die rezensieren.
Wie gesagt, ich stimme mit ihm in der Tendenz überein, auch viele seiner Kritiker, würden das tun, nähmen sie ihre selbstredend politisch überaus korrekte und ausgewogene Ideologiebrille ab. Allerdings hat Grass drei Probleme bei dieser Klientel. Das erste ist eher harmlos und die Lösung fördert die eigene intellektuelle Entwicklung - seine Sprache, seine Ausdrucksweise. Ich gebe zu, ich lese nicht gerne Texte von ihm.
Das zweite Problem wiederum ist deutlich gravierender, auch nach mehr als 60 Jahre geeignet, einen Menschen in diesem Lande grundlegend zu desavouieren: er war gegen Kriegsende als Jugendlicher Mitglied der Waffen SS. Nicht, dass ich der Meinung bin, die meisten derjenigen, die jetzt vor entsetzter Betroffenheit aufheulen, wissen was das bedeutet und was diese Truppe darstellte oder haben überhaupt einen auch nur geringen Schimmer, was es heisst in einer totalitären Diktatur im Krieg aufzuwachsen, nein, es reicht, was z.B. in wikipedia steht, um mit absoluter Sicherheit in jedem Mitglied der Waffen SS einen “faschistischen” Kriegsverbrecher zu sehen. Aus der Sicht eines aus Frieden, Wohlstand und relativer Demokratie Zurückblickenden eine relativ leichte Übung.
Der dritte Punkt fügt sich an, Grass erhielt nach Was gesagt werden muss den finalen Stempel des Antisemiten. Das ist in diesem Lande die ultimative Keule,  mehr gesellschaftliche Ächtung geht nicht. Selbst Menschen, die sich sonst unglaublich betroffen über das von Israelis verschuldete dramatische Schicksal der unterdrückten Palästinenser zeigen, stimmen plötzlich ein.

Dazu brandaktuell ein Zitat aus dem Bericht über den Besuch des Bundespräsidenten in Israel.

Eine Umfrage hatte kürzlich ergeben, dass 70 Prozent der Deutschen Israel vorwerfen, seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker zu verfolgen, und 59 Prozent die israelische Politik für aggressiv halten.

Sind also 70% der Deutschen Antisemiten? Würden alle so bewertet, wie Günter Grass vor zwei Monaten, kommt man nicht umhin, das festzustellen.

In diese trübe Brühe aus Meinung, Ideologie, Vorurteilen und Betroffenheitsgejaule platscht nun Europas Schande. Ob der Rest Europas jetzt “Geistlos verkümmern” wird, sei dahin gestellt, auch möchte ich nicht dauernd an den von Deutschland und den Deutschen begonnenen Krieg erinnert werden (ich verwende bewusst nicht den in Sätzen wie diesen sehr gerne genutzten Ausdruck Nazis, denn es waren schliesslich Deutsche und es gibt keinen Grund, sich hinter einem Ausdruck zu verstecken, der verharmlosend tut, als wären die Nazis eine Bande von Aliens, die 1945 klammheimlich wieder auf die dunkle Seite des Mondes verschwunden sind und lauter gute Deutsche zurückgelassen haben). Diese Ansprache typisch deutscher Befindlichkeiten, ist meine hauptsächliche Kritik an dem Gedicht. Natürlich kennen wir alle das berühmte Bild der Sturmgeschütze vor der Akropolis, natürlich wissen wir von der Schreckensherrschaft der Besatzer, auch von den verlustreichen Kämpfen 1943/44, bei denen die britischen Befreier in der Ägais ein letztes Mal vor den Deutschen geschlagen wurden. Das ist Vergangenheit und heute sind es nicht ausschliesslich die Deutschen, die für die zunehmende Verelendung Griechenlands verantwortlich sind. Gerade die entlarvenden, erbärmlichen Äußerungen der Chefin des IWF aus den letzten Tagen zeigen noch einmal überdeutlich, wer ganz vorne in der Verantwortung für die Verarmung der griechischen Bevölkerung ist. Banken sind wichtig, ihnen wird selbstverständlich geholfen, das Volk ist egal.

Grass schreibt dazu

Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.

und als Fortsetzung

Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.

… und da möchte ich nichts hinzufügen.

Grass schreibt mit seinen Worten, wer ihn kritisieren möchte, mag es tun. Wer allerdings die Augen offen hat für das, was gerade in der Welt passiert und dafür die dunkle Brille der Ideologie weglegt, findet wenig Kritikpunkte.