Alles gut bei der Schufa …. oder wir kriegen sie alle.
Ich wollte meinen nächsten Text zum aktuellen Dauerbrenner Urheber und ihre Rechte schreiben, meint ich wollte ihnen und ihren dreisten Verwertern ob ihres dämlichen und selbstverliebten Gejammers eine volle Breitseite aus 16 Zöllern verpassen, aber “leider” kam nun eine aktuelle Sondermeldung dazwischen.
Die Presse meldet, die allseits bekannte, aber nur wenig beliebte SCHUFA, Mottozeile “Wir schaffen Vertrauen”, will sich noch intensiver um ihre Schäfchen, also uns, kümmern und dazu auch Daten aus sozialen Netzwerken heranziehen, um unsere Kreditwürdigkeit noch besser beurteilen zu können. Die Meldung kam ursprünglich vom NDR und andere Publikationen bezogen sich darauf.
Laut NDR hat sich die Schufa dazu mit dem renommierten Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam (HPI) zusammengetan und eine Studie entwickeln lassen in der es um Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web geht. Anscheinend hat das HPI aufgrund der Berichte in der Presse mittlerweile gemerkt, dass dieses Thema nicht wirklich gut ankommt beim geneigten Publikum und wiegelt in einer eilig produzierten Stellungnahme einerseits inhaltlich ab und unterstellt andererseits den beiden NDR Journalisten die Absicht, einen “Skandal” produzieren zu wollen. Dazu die offizielle Pressemitteilung zum gemeinsamen Projekt (download eines pdf möglich):
Ziel des Projektes ist die Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web. Forschungsschwerpunkte sind einerseits die Validierung von Daten und anderseits Technologien zur Gewinnung von Daten.
Das heisst nun alles und nichts. Ist diese “Klarstellung” ein Grund, sich beruhigt zurück zu lehnen? Ich finde, nicht im geringsten. Wenn es sich bei dem Auftraggeber nicht ausgerechnet um die Schufa handeln würde, sondern um den Kaninchenzüchterverein Köln-Merheim e.V., der so die Reichweite seiner Fanpage auf Facebook eruieren will, wäre ich vollkommen beruhigt, denn es gibt keine Verbindung zwischen mir und den Tieren mit den langen Ohren. Aber der Name “Schufa” lässt mich aufhorchen. Es gibt eine lange Tradition an Kritik an deren Verhalten und deren Daten zu Personen; mein eigener Auszug, den ich vor Jahren für meinen damaligen Vermieter abholte und der zwei Umzüge später immer noch in einem Ordner schlummert, enthält wohl eine Vermischung der Daten mehrerer Personen.
Eine Stellungnahme zu den Meldungen auf der Web site der Schufa finde ich Stand heute, 21:20 Uhr übrigens nicht.
Natürlich wollen die Journalisten des NDR sich nicht einfach so abklatschen lassen und gehen ihrerseits mit deutlichen Worten und Auszügen aus den ihnen vorliegenden Dokumenten in die Offensive. Damit sieht die ganze Sache vollkommen anders aus, als uns das HPI erzählt. Inbesondere der Passus bei dem es um das “dark web” geht, spricht eine andere Sprache, als das Ist-doch-alles-halb-so-wild-Pressetextchen. Scoring, VIP-Identifikation und extrahieren von Meinungsbildern hören sich deutlich anders an.
Die digitale Gesellschaft hat kurz und knackig reagiert und gefordert, dass die Schufa ihre Finger von privaten Daten lassen soll, die sie grundsätzlich nichts angehen und darüberhinaus ihre Algorithmen offenlegt. Dem kann ich mich nur anschliessen!
Die Einbeziehung sozialer Netzwerke in dieses Forschungsprojekt mit kommerziellem Hintergrund gibt der ganzen Geschichte eine neue Qualität. Auch wenn offiziell betont wird, sich allein auf öffentlich zugängliche Daten zu beschränken, sollte sich niemanden in Sicherheit wiegen. Zur weitgehenden Absicherung seines persönlichen Facebook Kontos hat SPON eine sinnvolle Anleitung publiziert, die sich schnell und einfach umsetzen lässt.
Eine kurze Recherche zur Schufa spült übrigens ein durchaus pikantes Detail nach oben. Der derzeitige Vorstandsvorsitzende der Schufa, Dr. Michael Freytag, war bis 2010 als Hamburger Finanzsenator massgeblich in das Desaster der HSH Nordbank verantwortlich. Ein echter Politiker und Finanzexperte also. Man könnte vermuten, er hat sich in die neue Position retten lassen, als er als Finanzsenator nicht mehr tragbar war. Die HSH Nordbank konnte nur mit Landesmitteln gerettet werden, weil sie 2008, zur Amtszeit des Senators Freytag, 2,8 Milliarden Miese gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet. Zu der immer noch aktuellen Geschichte hier, hier und hier ein paar Zusatzinfos.
Mein Fazit, die Schufa macht den Vorreiter, aber es ist klar, dass ein Datensammler wie Facebook Begehrlichkeiten bei diversen Stellen weckt, die aus verschiedenen Gründen gerne Zugriff auf diese Daten hätten. Das betrifft kommerzielle, private wie regierungsamtliche Stellen und natürlich Polizei und Schlapphüte. In den USA scheint es durchaus üblich, dass Chefs nach dem Facebook Kontodaten der Jobkandidaten fragen, auch die Polizei sucht und findet gelegentlich den ein oder anderen Übeltäter bei Facebook. Werbetreibende interessieren sich grundsätzlich für unsere Daten, neu ist, dass eine Organisation, die dem eigenen Anspruch nach Vertrauen für Geschäfte schafft, mitmischt. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, auch wenn Datenschützer aufheulen. Der einzige wirksame Schutz vor dem organisierten Auspionieren durch mehr oder weniger obskure Organisationen ist der verantwortungsbewusste Umgang mit den eigenen Daten. Bewusst vor dem Einstellen in ein soziales Netzwerk. Wer so bekloppt ist, seine besoffenen Partybilder zu posten, ist schlicht selber schuld. Da habe ich nicht das geringste Verständnis für späteres Gejammer und die Suche nach Schuld bei Anderen. Vor-denken hat noch nie geschadet, man muss nicht alles posten, nicht jede Freundschaftsanfrage annehmen und kann z.B. berufliches von privaten Dingen trennen. Wenn mensch dann noch die paar Ratschläge aus der SPON Bilderschau (s.o.) befolgt, ist getan, was getan werden kann.