2012

What do you want from Life?

Wir sind alle beschnitten. Manche aber an anderer Stelle…

Der Titel sagt es, es geht um die unsägliche Beschneidungsdiskussion kleiner Jungen, die in diesem Land gerade den Bogen von juristischer Fachliteratur bis in’s aufgeregte Feuilleton spannt.

Was ist passiert? Das Kölner Landgericht hatte im Fall eines moslemischen Jungen in zweiter Instanz verfügt, die Beschneidung aus religiösen Gründen ist strafbar. Die körperliche Unversehrtheit eines Kindes geht vor religös motiviertem Brauchtum, wenn sich das Kind nicht bewusst dafür entscheidet. Und das fällt einem Säugling nachvollziehbar schwer.
Hört sich zunächst wenig nach einem Aufreger in einem säkularen Staat mit unabhängiger Gerichtsbarkeit an.
Wenn man aber kurz (gerne auch länger) darüber nachdenkt, sieht man die Lunte glimmen. Dieses einfache Urteil ist geeignet den ganzen alten Schmodder im Verhältnis von Kirchen bzw. Religoinen - interessant dabei ist, die christlichen Kirchen sind gar nicht direkt betroffen, aber aufgrund ihrer Existenz zumindest indirekt - und dem weltlichen Gemeinwesen wieder mal kräftig umzurühren.
Der Zentralrat der Juden bekundete sofort seinen Protest, der Zentralrat der Muslime ebenso. Die Juden sehen in dem Urteil 

einen beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften.

Erwartungsgemäß schlossen sich christliche Kirchen der Kritik im Hinblick auf die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit und auf das Recht der Eltern an.

Soweit die Fakten, mir fällt schwer, eine Meinung zum Thema Beschneidung bei Babies bzw. Kleinkindern zu bilden. Ich bin hin und her gerissen. Es gibt einige wesentliche Aspekte, die zu berücksichtigen sind, aber sich gegenseitig im Weg stehen.

Da ist ganz oben das angeführte Recht auf körperliche Unversehrtheit. Zweifellos an sich das höchste Gut, dafür steht die Entscheidung des Gerichts. Das wird jeder unterschreiben, ich vermute auch jeder gläubige Christ, Jude oder Moslem. Jetzt gibt es medizinische Aspekte, die man auch berücksichtigen kann. Einem kurzen Eingriff bei einem kleinen Jungen, der mit Sicherheit weh tut, steht später vermutlich - da streitet man sich, auch unter ideologischen Gesichtspunkten, s.u. - eine geringere Infektionsgefahr bzgl. Geschlechtskrankheiten  bis hin zu AIDS entgegen. Wenn das tatsächlich so ist, wie gesagt, es gibt wie bei jeder “Wissensschaft” auch gegenteilige Meinungen, dann steht hier Risiko heute gegen vermindertes Risiko später. Interessanterweise finanziert Deutschland Beschneidungsprogramme der WHO in der Dritten Welt zur AIDS Prävention mit. Und jetzt? Hier Körperverletzung, in Afrika nicht? 
… abgesehen davon, dass der Akt der Beschneidung hier in eine Grauzone abdriftet, die nicht mehr kontrolliert werden kann und aus medizinischer Sicht zweifelhaft wird. Ich kann mir nicht wirklich qualifiziertes Personal in einem Keller oder in einer Hinterhofkammer vorstellen, denn beschnitten wird weiterhin.

Nächster Punkt, Religion vs. säkularer Staat. Hier geht es um ganz andere Dinge. Der gemeine Religionsbasher sieht seine Steilvorlage um wieder einmal gegen den unverantwortlichen Einfluß der Religionen ins Feld zu ziehen. Laut Urteil haben sowohl Judentum, als auch Islam, ein Problem mit den Menschenrechten und da kann man natürlich sofort reingrätschen. Kein Argument ist ungeeignet, kein Vergleich zu dümmlich. In den Diskussionen, u.a. im SPON-Forum, wird munter  von “Verstümmelung” und “Amputation” fabuliert und auf in Studien erwiesene Nachteile später beim Sex hingewiesen. Die Vorhaut erhält eine Wichtigkeit, da tritt selbst das Thema Eigenentrechtung des Parlaments durch den ESM schamvoll in den Hintergrund. Interessant dabei ist, dass diese Art der “Argumentation” ausschliesslich von unbeschnittenen Männern kommt. So wie ein Priester über Ehe und Sex redet, sprechen diese Herren über sexuelle Nachteile ohne Vorhaut. 
Höhepunkt der “Diskussion” ist dann der Vergleich mit der Beschneidung von Mädchen bzw. Frauen. Das ist eine echte Verstümmelung, ein Verbrechen, ein unwiderruflicher Akt der Unterdrückung und absolut nicht mit der Entfernung der männlichen Vorhaut zu vergleichen und dies anzuführen sagt viel über die Denkweise, Abstraktionsfähigkeit und demokratischer Toleranz Andersdenkenden gegenüber aus. Ich befürchte, wer die Beschneidung deshalb als Körperverletzung einstuft, weil es hier um Religion geht, würde auch Umerziehungslager für Gläubige jeder Art bewachen. 

Jetzt kommt der nächste Punkt. Deutschland schränkt die Juden in der Ausübung ihrer Religion ein. Da ist es wieder Deutschland und die Juden, die davon wie erwartet nicht begeistert sind. Dieser politische Aspekt wird in dem Urteil nicht berücksichtigt. Ob damit jetzt ein Praktizieren des jüdischen Glaubens in Deutschland nicht mehr erlaubt ist, sei dahingestellt, der Eindruck kann aber entstehen.

Schlussendlich, was ist mit den Elternrechten? Eltern entscheiden alles für ihre Kinder, sie drängen ihnen ihre Werte auf in jeder Hinsicht, man nennt das gemeinhin “Erziehung”. Sie zwingen sie sogar gelegentlich, z.B. zum Schulbesuch, sie lassen ihren kleinen Töchtern Ohrlöcher stechen, was auch weh tun kann und wenn man Pech hat, ein ganzes Leben lang. Die Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder bis zum 18. Lebensjahr unbeeinflusst von “bösen” Religionen erziehen, damit diese Kinder endlich in der Lage sind, ihren ursprünglichen Atheismus zu erkennen, ist vollkommen weltfremd. Ähnlich wie das bewusste verbieten von Nutellabrötchen oder Spaghettieis, bekanntlich den späteren Appetit darauf verhindert. Wenn das Urteil nicht in einer höheren Instanz kassiert wird, müssen Kinderärzte bald melden und damit die Eltern kriminalisieren, wenn sie auf beschnittene kleine Jungs treffen und keine Indikation vorliegt.  

Ich bin nicht sicher, ob es hier einen Ausweg gibt. Das Urteil hat ein Fass aufgemacht und den Deckel weggeworfen.  Die Diskussion ist alles andere als entspannt, selbst eine ironische Betrachtung, wie die von Harald Martenstein zeigt das. Lesenswert finde ich in jedem Fall den Blogbeitrag von Marina Weisband, einer Jüdin, die einen sehr pragmatischen Ansatz vertritt.

Anscheinend ist das Thema jetzt auch in der Politik angekommen. Ob es dadurch gelöst wird oder auch nur vereinfacht, darf traditionell bezweifelt werden.

Damit schließt sich der Kreis und ich bin wieder bei meinem Titel: wir sind beschnitten, beschnitten in der Argumentation und in der Handlungsfähigkeit. Und manche auch an der Vorhaut.
Vielleicht ist die Beschneidungsdiskussion notwendig, vielleicht aber eher schädlich, weil sie durch das Urteil eines weltlichen Gerichts angestoßen wurde. 

Schönen Sonntag!