Das war’s: 2012
Als letzter Beitrag in diesem Jahr eine Sammlung von Gedanken zu und über Ereignissen, Stimmungen und Positionen zur digitalen Welt, die weit über den Jahreswechsel hinaus wirken und sich vermutlich in dem ein oder anderen Fall ab 2013 noch deutlich wichtiger und nachhaltiger zeigen werden, als wir uns vielleicht heute, in den letzten Tagen von 2012 vorstellen mögen.
Digitale Zukunft - Vernetzung, Innovation und Disruption
Es war eine Meldung, die mich kürzlich morgens früh schneller weckte als der Kaffee in der Tasse neben mir: Ray Kurzweil heuert bei Google an als Director of Engineering!

Nach Apples Rückzug vom Innovations- und Technologietreiber zugunsten von Buchhaltern und Patentanwälten, blieb eh’ nur Google als legitimer Nachfolger. Eric Schmid hat Google zudem vor kurzem im Interview mit Bloomberg zum Sieger im Krieg der mobilen Betriebssysteme ausgerufen. Und ich meine, er hat recht. Deutliche Vorherrschaft bei Smartphones, wachsende Marktanteile bei Tablets, auch wenn dort das iPad noch dominiert und der Einstieg in die Welt der Notebooks mit den neuen Chromebooks. Und das sind nur die Sachen, die jetzt verfügbar sind als Alternative zu den Gadgets, die wir seit Jahren nutzen. Hinzu kommen noch jede Menge Dinge, die wir noch nicht nutzen können, weil sie noch nicht auf dem Markt sind.
Warum ich hier das hohe Lied von Google singe? Weil Google im Moment das Beispiel ist für ein Unternehmen, das vordenkt, alle notwendigen Ressourcen zur Umsetzung selber in der Hand hat, vor Innovationskraft nahezu platzt und es Schritt für Schritt umsetzt. Eine langsame, aber nachhaltige, durchdachte und umfassende Sammlung und Qualifizierung von Ressourcen, die als Ergebnis Produkte liefern, die unsere digitale Zukunft massiv beeinflussen werden.
Dagegen verblassen die derzeitigen konventionellen “Führungskräfte”, wie sie sich prototypisch in Microsoft manifestieren. Konfrontiert mit wiederholten Versäumnissen in Bezug auf das Internet und durch den Rückgang des traditionellen PC-Marktes und damit verbunden einem Bedeutungsverlust von Windows und Office, soll oder besser muss Windows 8 als übergreifende Systembasis für konventionelle PCs und mobile Geräte, es jetzt richten. Zusammen mit den neuen Distributionswegen der Office-Pakete. Dabei gilt das Prinzip Hoffnung. Wer Outlook nutzt, will es auch auf Smartphone oder Tablet haben. Wer Word und Excel nutzt, ebenfalls. Millionen von Gewohnheitsanwendern sind die Zielgruppe.
Nur, was ist, wenn der typische Anwender eigentlich kein Outlook oder Office nutzen will, sondern einfach nur mailen, Termine ablegen, eine Tabelle anlegen oder einen Brief schreiben? Wenn er kein Monsterpaket kaufen will, um das machen zu können, sondern es eben nur um die Erreichung eines Ziels geht? Ein typischer Fall für das Thema digitale Disruption, am Horizont sehe ich - wieder der Name - Google Docs aufblitzen. Noch klein und relativ ärmlich, aber günstig und sofort nach Anmeldung überall verfügbar … warten wir ein Jahr ab. Lassen wir die Anwender entscheiden!
… und Deutschland?
Und jetzt kommen wir nach Deutschland. Ein Land von großer Wirtschaftskraft, mit gut ausgebildeten Menschen, Infrastruktur, Industrie und allem was dazu gehört. Aber leider gehören Innovationskraft, die Fähigkeit vorauszudenken (ich vermeide absichtlich das so beliebte wie falsche Wort querdenken) und Chancen zu erkennen nicht zu deutschen Tugenden. Im Gegenteil, gerade in den Bereichen IT und Internet ist Deutschland noch Mittelalter. Was vorherrscht sind Bedenken, Ängstlichkeit, Regulierungswut, Kompentenzgerangel und jede Menge Angst vor Kontrollverlust. Sehr schön hier zusammengefasst und in einen internationalen Kontext eingeordnet. Nennen wir es Kleinstgeistigkeit mit einer Binde vor den Augen, damit ja niemand vorhandene Ansichten und Geschäftsmodelle infrage stellen kann. In der Praxis äußert sich das darin, dass es so gut wie keine Softwareschmiede von internationalem Rang in Deutschland gibt. Gut, ich hör die Einwände, was ist mit SAP? Natürlich, SAP ist eine richtig große Nummer im Bereich Enterprise Resource Planning, also allem, was den Betrieb eines Unternehmen regelt. Aber damit erfolgreich in einem Bereich, der zweifellos im typisch deutschen Kompetenzspektrum liegt. Regeln, steuern und rechnen unter Berücksichtigung vieler Vorgaben. Da bleibt wenig Raum für Innovation, für neue Geschäftsmodelle, für Weiterdenken, über das Hier und Jetzt hinaus.
Das Fairness halber sei angefügt, es gibt tatsächlich trotz aller Hemmnisse so etwas wie eine internetinnovative Wirtschaft in diesem Land. Stellvertretend als kleines Beispiel und Lichtblick in der App-Szene für mobile Kommunikanten nenne ich hier nur Soundcloud, ein kleines Tool in Sachen Musik aus Berlin, das eingeschlagen hat wie eine Bombe.
Aber es wird niemals ein Facebook, ein Dropbox, ein Google aus Deutschland geben, allein die korrekte Position des Impressums oder die Formulierung einer Widerrufsregelung zum Kauf auf der web site hätte umfangreiche juristische Ressourcen erfordert, die vermutlich den Rahmen eines kleinen Startups gesprengt hätten…
Als Einschub erlaube ich mir den Hinweis auf Fabian Thylmann, einen sehr erfolgreichen deutschen Internet-Unternehmer, der mit verschiedenen, unglaublich populären Porno-Plattformen (u.a. youporn) ein Vermögen gemacht hat und dabei pro Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag umsetzt. Selbstredend sind weder Firmensitz noch Hosting der Seiten in Deutschland, sonst wäre dank der Rechtslage hier noch vor der ersten Einnahmebuchung die erste Abmahnung wegen fehlendem Impressum im Briefkasten gewesen. Thylmann ist gerade in den Schlagzeilen, weil er medienwirksam im Flugzeug wegen Verdachts auf Steuervergehen verhaftet wurde.
Es hätte auch niemals ein iPhone Made in Germany gegeben. Das Risiko wäre allen verbeamtet-denkenden potentiellen Geldgebern viel zu groß gewesen, in einen gefestigten Markt von aussen einzubrechen. Und das auch noch nicht vorsichtig und subtil, sondern mit Dynamit. Fünf Jahre später ist dieser Markt nicht mehr wieder zu erkennen, der vermeintliche Beton war Ton und der damalige unumstrittene Marktführer lediglich eine satte und bewegungsunfähige Schildkröte, die mittlerweile massiv ums nackte Überleben kämpft.
Und dann gibt es noch das “Leistungsschutzrecht”
Verlage, nicht Autoren (sic!), fordern von Suchmaschinen und Newssammlern Geld dafür, dass diese Schnipsel und/oder Links zu Beiträgen aus Online-Publikationen auflisten und so den geneigten Leser auf die web sites der jeweiligen Publikationen führen. Als wenn der Taxifahrer die Restaurants, zu denen er Kunden fährt, bezahlen muss. Ein entsprechendes Gesetz wurde unter beharrlichem Druck bestimmter Verlage auf den Weg gebracht. Trotz gegenteiliger eindeutiger Stellungnahme selbst höchster Kapazitäten zum Thema Urheberrecht in Deutschland. Mir persönlich scheint, als haben die verantwortlichen Politiker aus Angst vor der BILD-Zeitung ihren eigenen Verstand an der Garderobe abgegeben.
Das LSR ist eine wirkliche Delikatesse im analogen Beharren einer selbstverschuldet sterbenden Branche, eine gewünschte Gelddruckmaschine, ohne dafür zu erbringende Gegenleistung. Es gibt im Weg unzählige Artikel (z.B. hier, hier, hier und nicht zuletzt auch hier), die meisten von unabhängiger Seite, denn die selbsternannte “Qualitätspresse” tut sich recht schwer damit, das Begehren ihrer Verlage als das zu bezeichnen, was es ist: hirnverbrannter Unsinn einer größenwahnsinnigen Clique von Dinosauriern Auge in Auge mit dem Meteoriten.
Mein Fazit heute, Ende 2012
Deutschland gefällt sich nach wie vor im netzpolitischen Klein-Klein - im Zweifel ist es Ländersache, hat durch unsinnigste, von ersichtlich sachunkundigen Politikern und Juristen geschaffene nationale Pseudo-Regulierungen erfolgreich eine umtriebige Abmahnindustrie geschaffen, die ungehemmt von politischen Bremsen ihr Unwesen in Wirtschaft wie privatem Bereich treiben kann und macht sich im internationalen Vergleich zunehmend lächerlich. Es ist traurig zu sehen, wieviel Potential, wieviele Möglichkeiten, Geschäft zu generieren, von unfähigen Politikern und geschäftstüchtigen Juristen, journalistischen Nixverstehern und Alt-Denkern vereitelt wird.
Wielange kann sich die Industrienation Deutschland diese digitale Ignoranz noch leisten?
Michael Gorny, 30.12.2012